Konstruktiver Journalismus: Über Probleme berichten, Perspektiven bieten, Lösungen aufzeigen

Konstruktiver Journalismus: Über Probleme berichten, Perspektiven bieten, Lösungen aufzeigen

Neulich, im Politik-Podcast von Anne Will, sagte der Gast Christoph Hickmann, Leiter des Hauptstadtbüros des Spiegel:

“Dann wüsste ich nichts, womit die Regierung nach der Sommerpause selbstbewusst kommen und den Bürgern und Bürgerinnen im MeckPom, in Sachsen-Anhalt sagen könnten: Seht her, die Mitte ist handlungsfähig.“

Falls es euch nicht aufgefallen ist: Das war im konstruktiven Teil des Podcasts und Herr Hickmann antwortet hier auf die Frage von Anne Will, was passiere, wenn die Regierung nicht die Kurve kriegt diesen Sommer.

Irgendwie ist diese Podcast-Episode typisch für die politische Berichterstattung in deutschen Medien, wie ich sie in letzter Zeit erlebe: Es wird in vielen Medien und Formaten versucht, auch konstruktiv an die politische Lage in Deutschland und der Welt heranzugehen. Und gleichzeitig wird deutlich, wie schwer es den Journalistinnen und Journalisten fällt.

Bei Anne Will gibt es am Ende immer einen konstruktiven Teil. In der oben erwähnten Episode mit der Leitfrage „Rauft sich die Regierung zusammen?“ folgte dieser Teil auf etwa eine Stunde, während der sich Host und Gast vor allem der Beschreibung von Problemen gewidmet haben.

Dabei fielen Ausdrücke wie:

  • Gegen die Wand fahren
  • "Es steht Spitz auf Knopf für die Demokratie"
  • "Wenn sie es jetzt nicht schaffen, dann..."
  • In den Abgrund schauen
  • Entscheidende Wochen bis zur Sommerpause

Neben der Tatsache, dass vor allem Probleme beschrieben wurden, gab es auch keine unterschiedlichen Perspektiven, nur entweder oder, Himmel oder Hölle, Wirtschaftswunder oder Weimar.

Und damit wären wir beim konstruktiven Journalismus.

Denn apropos Probleme: Auf den Seiten des Bonn Institute gibt es einen Werkstattbericht zum Thema Lösungsjournalismus im Lokalen. Und darin heißt es:

“Auch in Lösungsgeschichten werden Probleme benannt, um den Kontext und die Relevanz eines Lösungsansatzes aufzuzeigen. Je besser Menschen über das Problem Bescheid wissen, desto weniger Raum muss es in der Berichterstattung einnehmen.”

Das heißt: Konstruktiver Journalismus ist eben ausdrücklich kein “zuckeriger Journalismus”, wie Heribert Prantl von der SZ es mal kritisiert hat (hier nachzugucken, ab 35:15). Denn natürlich kann auch konstruktiv über Probleme berichtet werden, nur bleibt es eben nicht dabei, diese nur zu beschreiben.

Denn warum nutzen die Menschen denn Medien?

  1. Vor allem wohl, um zu wissen, was los ist, also um sich zu informieren.
  2. Dann sicher auch, um sich aufzuregen oder ihre eigentliche Meinung, die sie eh schon haben zu bestätigen.
  3. Aber eben auch, um Orientierung zu suchen und Fragen zu beantworten.

Und ich glaube nicht, dass ich übertreibe, wenn ich feststelle, dass viele Medien eher den zweiten Punkt bedienen, also die Aufregung oder die Bestätigung. Weil das ja gut klickt.

Aber vielleicht ist das auf lange Sicht nicht die beste Entscheidung der Medien.

Denn: Immer mehr Menschen vermeiden Nachrichten. Laut dem Digital News Report des Reuters Institute (hier der Link zur deutschen Zusammenfassung beim Lebniz Insttitut für Medienforschung) geben 71 % der Menschen in Deutschland an, gelegentlich Nachrichten zu vermeiden, weil ihnen die Berichterstattung zu viel oder zu negativ wird. Und etwa 13 % der Menschen in Deutschland zählen zu den „aktiven“ Nachrichtenvermeidern.

Und warum vermeiden die Menschen Nachrichten?

  • Es verschlechtert die Stimmung: Nachrichten werden als belastend für das eigene Wohlbefinden wahrgenommen.
  • Die Informationsflut überfordert: Die schiere Menge und Frequenz der Nachrichten führt zur Überforderung.
  • Man fühlt sich hilflos: Nachrichten hinterlassen oft das Gefühl, dass man als Einzelner nichts an den Problemen ändern kann.

Und ich finde mich da auf jeden Fall auch wieder. Ich bin zwar grundsätzlich ein Nachrichten-Junkie, aber ich merke auch immer wieder mal, dass ich bewusst auf Entzug gehe und für einzwei Wochen Nachrichten fast komplett meide. Und ich merke, dass es mir durchaus auch mal besser geht ohne Nachrichten.

Bei 9vor9 haben wir in der aktuellen Episode über konstruktiven Journalismus gestritten. Und während ich das Konzept dort als sinnvoll und hiflreich beschreibe, bleibt mein Co-Host Stefan skeptisch: Braucht es wirklich ein neues Label oder einfach besseren Journalismus? Und lässt sich in Zeiten von Filterblasen, Polarisierung und Social Media überhaupt noch ein konstruktiver Dialog führen?

Und wer sich noch etwas mehr über konstruktiven Journalismus informieren möchte, hier noch eine kleine Auswahl an Texten und Quellen:

"Why Constructive Journalism?" vom Constructive Intitute.

"Was ist konstruktiver Journalismus?" vom Bonn Institute

"What Is Solutions Journalism?" auf dem Solutions Journalism Network.

"Konstruktiver Journalismus: Chancen & Herausforderungen" beim Media Lab Bayern.

Und schließlich noch der Vortrag von Ellen Heinrichs, Leiterin des Bonn Institute, auf der re:publica 2025 zu "Survivalstrategien für die Medienbranche"