Ich bin nicht Mitte

Ich bin nicht Mitte

Noch vor ein paar Jahren wurde selbst auf einem AfD-Parteitag das Wort Remigration nur unter vorgehaltener Hand leicht verschämt vor sich hingemurmelt. Und jetzt brüllt es Alice Weidel von der Bühne und alle jubeln, weil man das nun “endlich wieder sagen darf”. Und allein durch diesen Vorgang bin ich auf einmal weiter nach links gerutscht, ohne dass ich selber meine Meinung zur AFD, zu Migration oder einem gesellschaftspolitischen Thema geändert hätte.

Oder vielmehr: Ich bin eigentlich gar nicht weiter nach links gerutscht. Nur die Mitte hat sich auch durch diesen Vorgang weiter nach rechts verschoben. Und deswegen sagt der Politik-Podcaster Robin Alexander nun auch über mich - ganz im Merzschen Sinne - ich habe "nicht mehr alle Tassen im Schrank". Und genau das ist ein Problem des Mitte-Fokus der deutschen Politik und des politischen Journalismus in Deutschland. Dass Menschen wie ich, die ein komplett "normaler" (schwieriges Wort, ich weiß) Teil der deutschen politischen Öffentlichkeit sind, immer weiter nach außen gedrängt werden, möglichst hinaus aus dem politischen Diskurs, der irgendwie akzeptabel ist.

Ich stehe zu 100 Prozent auf dem Boden unserer Verfassung. Ich finde, auch die CDU, CSU und, ja sogar auch die FDP sind wichtig für unser Land und haben Gutes bewirkt und werden auch in Zukunft Gutes bewirken. Auch wenn ich mich sehr, sehr oft über sie ärgere, kann ich sehr gut damit leben, wenn die CDU mal den Bundeskanzler oder, was mir persönlich lieber wäre, die Bundeskanzlerin stellt. Ich kann damit leben, dass Grüne oder SPD mit der Union koalieren. Ich könnte sogar damit leben, auch wenn es mir schwerer fällt, wenn die CSU in Bayern auch noch die nächsten 75 Jahre regieren würde. Ich habe feste politische Überzeugungen und bemühe mich trotzdem, auch Meinungen zu hören und zu bedenken, die nicht meinen entsprechen. Und dann eventuell meine eigenen Überzeugungen anzupassen.

Und doch zähle ich mich nicht zur politischen Mitte. Oder wenn ich es wäre, müsste diese Mitte so breit sein, dass es albern ist, sie als solche zu bezeichnen. Und ich glaube, es führt unser Land nur immer weiter in die Arme derjenigen, die nicht auf dem Boden unserer Verfassung stehen, wenn Politikerinnen und Journalisten uns erzählen, dass nur in der Mitte Wahlen gewonnen werden. Denn dieses "Mitte-Sein" heißt mittlerweile:

  • Das Bürgergeld wird abgeschafft und dabei all diejenigen beschämt, die aus welchem Grund auch immer nicht so gut klar kommen in unserem Land.
  • Reiche dürfen sich immer weiter auf Kosten unserer Gesellschaft bereichern, ohne dass sie ihren angemessenen Beitrag leisten für eine funktionierende Infrastruktur, für gute Bildung und bezahlbares Wohnen.
  • Klimaschutz spielt keine so große Rolle mehr.
  • Menschen ohne deutschen Pass, die aus welchem Grund auch immer in Deutschland sind, werden vorwiegend als Bedrohung angesehen.

Vibe Shift anyone?

In der ZEIT kann man testen, ob man zur politischen Mitte in Deutschland gehört oder nicht. Und ich wüsste gar nicht, wie sehr ich mich verbiegen müsste, um auch nur in die Nähe dieser völlig willkürlich festgelegten Mitte zu rutschen.

Ich glaube nicht, dass Wahlen nur gewinnt, wer grundsätzlich sehr viel weiter rechts ist, als ich das laut dieses Tests der ZEIT bin. Ich glaube, Wahlen gewinnt man, wenn man die Mehrheit der Bevölkerung davon überzeugt, dass man die Probleme, die dieses Land hat, ernsthaft zu lösen versucht, dass man dabei natürlich auch Kompromisse eingeht mit Parteien, die nicht die selben Überzeugungen haben wie man selbst, und dass man dann auch wirklich konsequent bleibt, egal was einem Menschen erzählen wollen, wo grad die Mehrheit der Bevölkerung steht.

Und wenn das heißt, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank habe, dann sei es so.